Wenn das Nachsitzen bis zum nächsten Morgen dauert

Hörspielprojekt „Das verschlossene Klassenzimmer“

Für Schauspieler und Regisseur Eike Weinreich war es ein „Riesen-Experiment“. Zusammen mit seinem Kollegen Martin Kammer hat er mit jungen Menschen aus der Freizeitstätte Bürgerfelde im Frühjahr 2020 innerhalb von fünf Wochen ein Hörspiel initiiert – und zwar eines, das in Zeiten der Corona-Krise weitgehend ohne persönliche Kontakte auskommen musste. Viele der Beteiligten im Alter von acht bis 26 Jahren kannten einander vorher nicht und haben sich erst jetzt, nachdem die 40-minütige Endfassung vorliegt, zum ersten Mal gesehen. Dem Ergebnis hört man die Distanz nicht an – im Gegenteil: Die Story ist stimmig, die Dialoge sind nahtlos verflochten, die Technik reguliert unterschiedliche Lautstärken und Aufnahmequalitäten. „Wir sind sehr erstaunt darüber, was die Kinder und Jugendlichen geleistet haben“, freuen sich Weinreich und Kammer über das gelungene Resultat.

Gelungene Abwechslung in Corona-Zeiten

Das Hörspiel trägt den Titel  „Das verschlossene Klassenzimmer“. Damit wird nicht nur Erich Kästners Schul-Roman „Das fliegende Klassenzimmer“ aufgegriffen, sondern auch die ungewohnte Isolation, der sich Schülerinnen und Schüler während der Hochphase der Corona-Beschränkungen ohne Schule und Freundeskreis-Treffen ausgesetzt gesehen haben. „Du willst eigentlich durchstarten, aber die Tür geht nicht auf“, beschreibt Schaulspiel-Dozent Martin Kammer das Dilemma. Das junge Hörspiel-Ensemble hat daraus ein Szenario entwickelt, in dem eine Klasse eine Nacht alleine in der Schule verbringen muss. Was als kollektives Nachsitzen beginnt, endet auf spannende Weise erst am nächsten Morgen.

Die Teilnehmenden konnten sich selber eine Figur und ihren Rollennamen ausdenken und den Handlungsstrang weiterspinnen. Kommuniziert mit den Profi-Regisseuren wurde per Telefon, WhatsApp, SMS und E-Mail. „Wir haben die Einzelteile wie Legosteine zusammengesetzt“, berichtet Eike Weinreich. „Es war großartig, wieviel Vertrauen uns die Jugendlichen entgegengebracht haben“, sagt Martin Kammer.

Feedback der Teilnehmenden

Auch die Teilnehmenden sind begeistert: „Für mich war es sehr wichtig, in der Corona-Zeit etwas machen zu können“, sagt Lukas Arping (14). Amelie Eilers (18) bot die Mitarbeit am Hörspiel eine willkommene Abwechslung zum Abschlussprüfungs-Lernstress. Für Mirja von Häfen war es bereits das vierte Hörspiel, an dem sie mitwirken durfte. „Mir hat es sehr viel Spaß gemacht“, sagt die Zwölfjährige. Felix Klostermann (26) überraschte die Initiatoren mit seinen Fähigkeiten beim Einspielen der Musik und Schneiden des Materials. „Er war uns da technisch deutlich voraus“, schmunzelt Eike Weinreich.

Dank an die Förderer

Die „große musikalische Kompetenz“, die Weinreich und Kammer bei vielen der Beteiligten festgestellt haben, lässt die beiden Schauspiel-Profis an eine Fortsetzung „in Richtung Musical“ denken. Nils Naumann, der sich in der Freizeitstätte Bürgerfelde schwerpunktmäßig um Musik- und Bandprojekte kümmert, freut‘s. Naumann dankt den Förderern des Hörspiels für die finanzielle Unterstützung, die es ermöglicht hat, die Projektidee in der Corona-Krise kurzfristig umzusetzen. Die Oldenburgische Landschaft hat 3.300 Euro zur Verfügung gestellt, vom Kulturbüro der Stadt Oldenburg kamen 2.000 Euro, und die LzO steuerte 1.000 Euro bei.